Berlin nach der Maueröffnung


Der Film BERLIN BABYLON erzählt von einer Stadt, die ihre zerstörte Struktur mit aller Macht zurückgewinnen, die Schatten der Vergangenheit überwinden will.
Die Situation Berlins ist einzigartig: In der Situation des Umbruchs scheint alles offen und möglich zu sein. Die Bauleute machen sich an die Arbeit.
Was soll Bestand haben? Was wird abgerissen, was neu gebaut? Und wer entscheidet darüber?
Aus allen Himmelsrichtungen nähert sich die Kamera der Stadt, taucht ein in die Straßenschluchten, verweilt in den Hinterhöfen, schwingt sich über gigantische Neubauten.


Wo eben noch geheimnisvolle Leere war, herrscht plötzlich rastloser Baubetrieb. Wo gerade noch Gebäude standen, gähnt neue Leere, die sich rasch in gigantische Baustellen verwandelt. Wir erleben die Macher: prominente Architekten wie Axel Schultes, Renzo Piano, Josef P. Kleihues und Rem Koolhaas. Bauherren, Politiker, Stadtplaner und Arbeiter. Es gibt keine Interviews oder Statements in die Kamera, stattdessen ist der Zuschauer Teil der Szenerie, lauscht Gesprächen und Diskussionen der Macher und Entscheider, sieht aber auch das, was gerade jenen verborgen bleibt: Den Irrsinn der Baustellen – in höchsten Höhen auf Kränen, unter der Erde im Verborgenen.

Berlin Babylon ist ein Film über die hoffnungslose Bauwut, die in den Himmel wächst und seltsam flach und mittelmäßig bleibt. Die babylonische Zivilisationsfabel scheint in der wiedervereinten Metropole an der Schwelle zum 21. Jahrhundert fortzuleben. Der Aufbruch wird zu Stein.
BERLIN BABYLON entstand zwischen 1996-2000 als reine Kinoproduktion, gedreht wurde auf 35mm.

Der Regisseur Hubertus Siegert über Berlin Babylon:

Drei Blickwinkel haben mich interessiert. Zuerst die Faszination des schlagartigen Übergangs von einem baulichen Zustand der Stadt in einen anderen. Dabei war das Alte wie das Neue mit der Atmosphäre des schnellen Übergangs aufgeladen. Das Alte, gerade noch Unberührte, oft Verfallene, erschreckend Offene und Leere – das Neue, die zahllosen Baustellen, die mir wie Speicher utopischer Versprechungen erschienen, solange die Bauten noch entstanden. Der Film versucht diese überschnelle Epoche zu verlangsamen.
Zum zweiten erstaunte mich der babylonische Charakter der ganzen Berliner Unternehmung. Es scheint eine Zivilisationsfabel seit Babylon zu sein, daß zu jeder Zeit Bauherren, Baumeister und Bauleute bereit stehen, eine als leer empfundene Innenstadt sofort mit Bauwerken jeder Dimension zu füllen.

Die Angst vor der Leere steigerte das rationale Geschäftsgebaren der Immobilienbranche in Berlin zu rastloser Tätigkeit. Im Film stehen die Worte und Physiognomien der Männer des Stadt-Marketings und des eiligen Zugriffs – Architekten und Investoren, Politiker und Beamte – dem Leben der Männer gegenüber, die ihre Hände gebrauchen und die Dauer und Mühe des Erstellens erfahren, den Bauarbeitern.

Drittens gibt es in dem alt-neuen Berlin eine Präsenz der deutschen Geschichte in erstaunlichen Überschichtungen, eine empfindliche Aura, die auch ungeliebte Epochen, wie die Nazizeit oder die DDR einschließt, eine Aura, die als völlig unbrauchbar gilt und deshalb dem ordnenden Zugriff der Stadtplanung unterliegt. Man muß sich beeilen, die Stadt noch ungeschminkt zu erleben, bevor sie ganz geliftet ist – und zugebaut.“

Hubertus Siegert, Director