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Kräne

Berlin nach der Maueröffnung. Sichtbar zeigt die Stadt die Spuren der Leere, die Narben und Verschorfungen, die Krieg und Nachkriegszeit, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben. In der Situation des Umbruchs scheint alles offen und möglich zu sein. Die Bauleute machen sich an die Arbeit.

Berlin Babylon erzählt von der Melancholie einer Stadt, die ihre zerstörte Struktur mit aller Macht zurückgewinnen, die Schatten der Vergangenheit überwinden will. Was soll Bestand haben? Was wird abgerissen, was neu gebaut? Aus allen Himmelsrichtungen nähert sich die Kamera der Stadt, taucht ein in die Straßenschluchten, verweilt in den Hinterhöfen, schwingt sich über gigantische Neubauten. Wo eben noch geheimnisvolle Leere war, herrscht rastloser Baubetrieb. Wo gerade noch Gebäude standen, gähnt neue Leere. Dann ragen auch hier die Kräne in den Himmel.

Wir erleben die Protagonisten des Umbaus: prominente Architekten wie Axel Schultes, Renzo Piano, Josef P. Kleihues und Rem Koolhaas. Bauherren, Politiker, Stadtplaner und Arbeiter. Anstelle von Interviews und Statements zeigen Körpersprache, Mimik und Fragmente von Gesprächen die Protagonisten bei ihrer Arbeit, in ihrem sozialen Raum, auf Baustellen und Richtfesten; das komplexe Gefüge der Hierarchie, die Konzepte, den Widerstreit, die Suche. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln, in genau beobachteten Szenen des Planens und Bauens, in spektakulären Aufnahmen zeigt Berlin Babylon die Kontraste einer Stadt im Umbau, zwischen der Angst vor der Leere und der Vollendungssucht. Ein Film über die hoffnungslose Bauwut, die in den Himmel wächst und seltsam flach und mittelmäßig bleibt, über die verführerische Faszination und prosaische Brutalität des Bauens. Die babylonische Zivilisationsfabel scheint in der wiedervereinten Metropole an der Schwelle zum 21. Jahrhundert fortzuleben. Der Aufbruch wird zu Stein.

Berlin Babylon entstand als reine Kinoproduktion ohne Fernsehbeteiligung zwischen 1996-2000. Gedreht wurde auf 35mm,die Kamera führten Ralf K. Dobrick und Thomas Plenert, montiert wurde der Film von Anne Schnee und Wenders-Cutter Peter Przygodda. Die Filmmusik von Berlin Babylon wurde von der legendären Berliner Band Einstürzende Neubauten komponiert und eingespielt - der erste erste komplette Soundtrack der Band zu einem Kinofilm beigesteuert haben. Der Soundtrack erscheint am 30. Juli bei Zomba Records.

Der Regisseur Hubertus Siegert über Berlin Babylon:

"Drei Blickwinkel haben mich interessiert. Zuerst die Faszination des schlagartigen Übergangs von einem baulichen Zustand der Stadt in einen anderen. Dabei war das Alte wie das Neue mit der Atmosphäre des schnellen Übergangs aufgeladen: das Alte, gerade noch Unberührte, oft Verfallene, erschreckend Offene und Leere: das Neue, die zahllosen Baustellen, die mir wie Speicher utopischer Versprechungen erschienen, solange die Bauten noch entstanden. Der Film versucht diese überschnelle Epoche zu verlangsamen.

Zum zweiten erstaunte mich der babylonische Charakter der ganzen Berliner Unternehmung. Es scheint eine Zivilisationsfabel seit Babylon zu sein, daß zu jeder Zeit Bauherren, Baumeister und Bauleute bereit stehen, eine als leer empfundene Innenstadt sofort mit Bauwerken jeder Dimension zu füllen. Die Angst vor der Leere steigerte das rationale Geschäftsgebaren der Immobilienbranche in Berlin zu rastloser Tätigkeit. Im Film stehen die Worte und Physiognomien der Männer des Stadt-Marketings und des eiligen Zugriffs –Architekten und Investoren, Politiker und Beamte- dem Leben der Männer gegenüber, die ihre Hände gebrauchen und die Dauer und Mühe des Erstellens erfahren, den Bauarbeitern.

Drittens gibt es in dem alt-neuen Berlin eine Präsenz der deutschen Geschichte in erstaunlichen Überschichtungen, eine empfindliche Aura, die auch ungeliebte Epochen, wie die Nazizeit oder die DDR einschließt, eine Aura, die als völlig unbrauchbar gilt und deshalb dem ordnenden Zugriff der Stadtplanung unterliegt. Man muß sich beeilen, die Stadt noch ungeschminkt zu erleben, bevor sie ganz geliftet ist - und zugebaut."