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Die Idee zu Berlin Babylon entstand Anfang der 90er Jahre. Berlin zeigte sichtbar die Spuren der Leere, die Krieg und Nachkriegszeit hinterlassen hatten. Für Hubertus Siegert war die Stadt damals „in vielem kaputt, aber einzigartig, mit der Schönheit des Unvollkommenen und Unfertigen. Durch die Leere schien alles offen und vieles möglich." Diesen Augenblick des Übergangs wollte Siegert dokumentieren, wobei wegen der Qualität der räumlichen Bilder nur 35mm-Film in Frage kam und die Kamera bewegt werden mußte, um die Räume erfaßbar zu machen.

"Am Anfang stand ein besonderes Gefühl zur Leere und zum verrotteten Zustand vieler Ecken, besonders in Mitte und den angrenzenden Bezirken. Das mußte man sehen, um zu verstehen, was den einzigartigen Charakter von Berlin ausgemacht hat. Diese Offenheit aber war mit der IBA der 80er Jahre im Berliner Dogma der 'historischen Rekonstruktion' eigentlich schon Vergangenheit, in den Bauplänen spätestens seit 1995. Neue Leute würden in die Stadt kommen, um Geld und eine Hauptstadt daraus zu machen."

Aus der Idee, die kurze Zeit des Übergangs in Bildern festzuhalten, entwickelte sich das Konzept einer offenen Dokumentation über den Umbau eines Stadtzentrums während eines eiligen Jahrzehnts. Dafür mußte sich der Film in die Hierarchie der Kräfte begeben, die die Stadt umgestalten würden, Politiker, Bauherren, Architekten, bis hin zu den bloßen Ausführenden ohne Entscheidungsgewalt. Die Protagonisten sollten dabei im gesamten Rahmen dieser Kräfte, in ihren Funktionen und Arbeit vorgestellt werden. „Mich hat die Semiotik von Mimikrie und Haltung interessiert", erzählt Hubertus Siegert. "Ich wollte Verhaltens- und Denkweisen, Haltungen und Sprache in einer Situation beobachten, in der der Städtebau sehr sichtbar und als Thema politisch sehr präsent war." Berlin Babylon sollte dabei nicht vorgefaßte Thesen zu Wohl und Wehe der Stadtentwicklung bebildern, es ging nicht um Entlarvungen, Sensationen oder aktuelle skandalöse Befunde. Die Aufgabe bestand vielmehr in der Beobachtung, dem Sammeln von Material, das aus sich selbst heraus zu lesen war und der Montage den notwendigen Gestaltungsspielraum eröffnen konnte. Dies erschien nur über eine lange Drehzeit möglich, die die räumlichen Veränderungen des Stadtumbaus selbst sichtbar machen könnte.

"Das Problem bei einem Film übers Bauen ist die Banalität. Als Zuschauer befürchtet man Kräne, Fassaden, Architekten und Lokalpolitiker. Mit der Geschichte vom Turm von Babylon als Einstieg in den Film wollte ich diesen Schleier der Erwartung lüften. Wer etwas abreißt, muß erstmal was besseres bauen, und wer auf alte Fundamente baut, muß die Herausforderung bewältigen, die sie aus der Vergangenheit mitbringen. Angesichts des überbordenden Hauptstadt-Marketings schien es mir gut, die Dinge aus größerer historischer Ferne anzugehen. Auch das Benjamin-Zitat ist eine Ecke im Film, um gegen den Routineblick auf das ‘Neue Berlin’ anzukommen: weil Bauen in einer Innenstadt eben immer mit Zerstörung von altem zu tun."

Die Finanzierung des Projekts gestaltete sich schwierig. Dem Fernsehen erschienen Thema und Konzept unverfilmbar und 35mm-Film zu teuer. Den größten Teil des Budgets von 1,3 Mio. DM bestritten Produzent, Coproduzent und ihre Finanzierungspartner selbst, 15% kamen von der Filmförderung. Angesichts der auf mehrere Jahre angelegten Produktion mit ihren zahlreichen aufwendigen Stadtaufnahmen erwies sich dieser Etat als außerordentlich knapp. Recherche und Drehvorbereitung wurden von Hubertus Siegert und einem Aufnahmeleiter bestritten. Aus den hunderten möglicher Kontakte zu Protagonisten war zunächst auszuwählen, wer in Frage kam, wer zur Mitarbeit bereit war, wer Zeit hatte. Dies erforderte eine langwierige und geduldige Nachfrage, einiges verlief im Sande oder scheiterte kurz vor der Realisierung an plötzlichen Terminverschiebungen.

Da Team und Ausrüstung nicht durchgängig über Jahre finanziert werden konnten, mußten die Dreharbeiten jeweils auf knappe Zeiträume konzentriert werden. "Wenn wir dann ein paar Ereignisse schön koordiniert hatten, konnte mal der Tonmann nicht, mal stand die Kamera nicht zur Verfügung oder es regnete“, erzählt Siegert. „Wegen des Budgets waren unsere Arbeitsbedingungen aufs äußerste reduziert. Ich glaube, manchmal haben wir auf die Protagonisten den Eindruck einer ziemlich harmlosen Filmtruppe gemacht – was natürlich auch Vorteile hatte: Man fühlte sich durch unsere Gegenwart nicht sonderlich unter Druck gesetzt und geriet schnell in die Alltagsnormalität hinein, die uns genau interessierte."

Das Filmteam beobachtete die Protagonisten in der Regel bei Situationen der täglichen Arbeit, auf der Baustelle, im Büro, bei repräsentativen Anlässen. Interviews und unnatürliche Aufnahmesituationen, wie sie mindestens den prominenten und medienerfahrenen Protagonisten geläufig sind, wurden vermieden. Die Kameramänner Kalle Dobrick und Thomas Plenert drehten diese Szenen mit der Handkamera bei langen Brennweiten, um nahe an die Protagonisten zu kommen, jenseits der äußeren Alltagsroutine.

Das Berlin Babylon-Konzept der Beobachtung war in der Hektik der Baustelle oft nur schwer umsetzen, da Großeinstellungen eine extrem ruhige Kamerahaltung verlangen und die kleinen Spulen der Handkamera alle 4 Drehminuten ausgetauscht werden müssen.

Es wurde nichts gestellt, nichts konnte wiederholt werden, der Zufallsfaktor spielte entsprechend eine große Rolle. "Es bestand das Dilemma zwischen dem hinderlich großen Aufwand von 35mm-Film beim Drehen und dem großartig präzisen Eindruck der 35mm-Bilder im Kino. Für den blanken Inhalt des Films wäre Video vielleicht das bessere Medium gewesen, aber die Bilder hätten nicht die Auflösung und Intensität gehabt, die eine riskante Montage fürs Kino braucht. Das war für uns entscheidend."

"In der Euphorie über das Bauen in Berlin existierte die wirkliche, die ganz aktuelle Stadt gar nicht. Man ging davon aus, daß zum einen ein funktional besserer Zustand immer der richtigere und zum anderen die historistisch frühere Form der Stadt wiederherzustellen sei. Es ging um die Idee der Vollendung der neuen Stadt. Alle Gebäude, die dem kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner als ‘schön’ und ‘historisch’ gelten, werden so lange renoviert, bis den Steinen noch der letzte Rest von Gedächtnis wegpoliert ist. Alles Karge, Graue, Häßliche – das durchaus Größe und Erhabenheit haben kann – wird abgerissen, überbaut und vernichtet, bis die Stadt als Speicher der Erinnerungen nicht mehr taugt. In einer solchen Situation wird die Baustelle zum letzten Moment von Utopie. Die Baustellen selbst waren faszinierend, in ihren Dimensionen und ihrer Dichte für deutsche Verhältnisse etwas Besonderes. Sie waren schön, weil sie bedrohlich waren."

Im Kontrast zu den beobachteten Szenen standen die aufwendig geplanten und choreografierten Stadtbilder wie die Steadycam-Fahrten, Aufnahmen aus der S-Bahn oder der Tram, die spektakulären Flüge mit der Spacecam oder die Aufnahmen von der Spitze des Fernsehturms am Alexanderplatz, in 300 Metern Höhe. Dort nutzten Kameramann Kalle Dobrick und Hubertus Siegert laufende Reparaturarbeiten, bei der eine winzige Gondel auf einer Seilbahn außen zur Spitze der Antenne hochführte.

Für die aufwendige Spacecam entschied sich Siegert, da das Helikopter-Rütteln in der Regel nur Aufnahmen von seitwärts und in relativen Totalen erlaubt, wobei die Objekte umflogen werden müssen. Um ein echtes Raumgefühl zu vermitteln, sollte der Filmflug jedoch in die Tiefe des Raums erfolgen. Dafür wird die Spacecam benötigt, bei der die Kamera durch schnell rotierende Kreisel in ihrer Raumausrichtung so stabilisiert wird, daß hochwertige Aufnahmen in Flugrichtung und mit großer Brennweite möglich werden.

„Die Frage ist immer dieselbe: Ist das Neue wirklich besser als das Zerstörte? Das geht in Berlin seit Jahrhunderten so, und jetzt geht es weiter. Mittlerweile werden Gebäude abgerissen, damit man Gebäude wieder aufbauen kann, die davor abgerissen worden sind. Auch schlechte Architektur wird manchmal durch ihre Geschichte geadelt, durch eine Art Gewöhnungseffekt. Das neue Gebäude muß besser sein als diese Gewohnheitsqualität, es reicht nicht, nur in der Architektur besser zu sein."

Bei Abschluß der fast vierjährigen Dreharbeiten im Sommer 1999 lagen mehr als 30 Stunden Filmmaterial vor. Geschnitten wurde konventionell am Schneidetisch. In der ersten Phase der Montage organisierte Peter Przygodda die Aufnahmen der Protagonisten zu ästhetisch brauchbaren Szenen. "In der Montage war es uns wichtig, keine Meinung zu illustrieren, sondern eine Vielzahl von Perspektiven zu vereinen“ erzählt Hubertus Siegert. „Mitunter kombinierten sich die Dinge und Personen wie von selbst. Man sah plötzlich auf die Haltungen, die Mimik, spürte die Hierarchie, die persönlichen Motive, fast wie bei Schauspielern. Das Problem bestand darin, die 90 Minuten des Films dramaturgisch offen zu bewältigen, also ohne die Einheit einer Figur oder einer Handlung.“ Um die Vielfalt des Materials verbinden zu können, entschied sich Hubertus Siegert für Parallelmontagen im Rahmen einer durchgängigen Kontrastmontage: Reden und Handarbeit, Angeberei und Nachdenklichkeit, hell und dunkel, laut und leise, Großaufnahmen und Totalen, Euphorie und Beklemmung, Traurigkeit und Hoffnung. Aus der Vielzahl der so montierten Szenen wurden für die Endfassung von Berlin Babylon 23 Szenen ausgewählt, in Kontrast zueinander und zu den Bildern der Stadt und Archivsequenzen gesetzt und entlang einer darunter liegenden inhaltlichen Erzählstruktur montiert. In der Musikbearbeitung wurden zunächst die Titel der klassischen Musik ausgewählt, danach folgte die Komposition der Originalmusik durch Einstürzende Neubauten, die sich schon auf ihrem letzten Album mit der Bauwut in Berlin beschäftigt hatten. Wie auch der Name der Band eine zufällige Analogie zu Berlin Babylon.

„Natürlich bietet die Kontrastmontage des Films die Möglichkeit, jemandem das erste oder das letzte Wort zu geben. Ich denke, mein eigener Standpunkt läßt sich aus dem Film ohne große Schwierigkeiten herauslesen. Aber spannend bleibt der Film, wenn nicht von Anfang an durchschaubar ist, wer das letzte Wort hat. Das gilt für jede einzelne Szene, sobald sie eindeutig in der Aussage wäre, wäre sie bei meiner Art der Beobachtung tot und abstrakt. Wir haben im Kino am Ende spärliche 90 Minuten, die auch noch als unterhaltsam erlebt werden wollen. Wer seine eigene Kritik verbalisiert haben will, dem kommt der Film nicht entgegen. Aber die Kontraste erlauben es jedem, eigene Fragen zu entwickeln. Wenn das keine dummen Fragen sind, dann ist der Film doch in Ordnung."

(Alle Zitate von Hubertus Siegert)