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Berlin Babylon - Gespräche ohne Kamera, Teil 3

Dominique Perrault

Dominique Perrault ist der Architekt des Velodroms und der Schwimmhalle an der Landsberger Allee am äußeren Rand des Bezirks Prenzlauer Berg. Beide Hallen wurden im Rahmen der Olympiabewerbung Berlins geplant, als für Berlin notwendige Sportstätten propagiert und trotz Ablehnung der Olympia-Bewerbung für insgesamt 600 Millionen DM realisiert. Die Bauten sind in den Boden versenkt, haben als Dach eine plane Edelstahl-Konstruktion und werden zu ebener Erde in einem kleinen Park von Apfelbäumen umstanden. Die Umgebung ist vom Flächenleerstand der aufgegebenen Berliner Schlachthöfe geprägt, daneben Wohnungen in der Blockrandbebauung der 20er Jahre, eine gigantische Bauruine der 90er Jahre – eine entspannte nachbarschaftliche Situation, gegenwärtig ohne großen Kapitaldruck. Durch Abriß der Schlachthöfe und Vertreibung des Kleingewerbes entstand jüngst das Gefühl lokaler Deklassiertheit, die geplante Gewerbeansiedlung ist zögerlich. Das Interview entstand am 3. Juni 1999 auf der Baustelle der fast vollendeten Schwimmhalle.

Hubertus Siegert: Was ist Ihr Beruf, Ihre Berufung, welchen Beruf üben Sie aus?

Dominique Perrault: Konditor? (lacht) Koch? Friseur! Soll ich Ihnen darauf wirklich eine Antwort geben? Also muß ich sagen: Architekt, oder?

Das hat sich nicht geändert?

Ich weiß nicht, nein. Warum? Nein.

Es gibt einen bekannten Architekten, der sagt, er sei Autor.

Ach so, Autor von was?

Büchern.

Bücher?

Und er baut trotzdem viel, deswegen stelle ich diese Frage.

Nein, nein, ich bin Architekt.

Gibt es dabei für Sie eine Maxime?

Nein, ich habe keine Maxime. Nein. Aus freien Stücken. Maximen. Das ist zu einfach. Keine Maxime.

Das ist auch eine Maxime...

...keine Maxime zu haben.

Ihr erklärtes Ziel mit dem Velodrom und dem Schwimmstadion war auch, die Lebensqualität der Anwohner zu respektieren und die Entwicklungsmöglichkeiten des Stadtquartiers zu verbessern. Ist es jetzt nach Fertigstellung so, wie Sie es erwartet haben?

Nein. Das Viertel muß noch gemacht werden. Es gibt zum Beispiel ein großes Projekt in der Nähe der U-Bahn-Station, das zur Zeit gestoppt ist. Das ist sehr ärgerlich, weil es in Bezug auf das Velodrom und Schwimmstadion ja gerade interessant ist, daß es so viel Dichte wie möglich drumherum gibt. Das haben wir den Berliner Behörden damals versucht zu erklären: daß man um Velodrom und Schwimmstadion herum bauen muß. Das ging natürlich gut mit der Idee der Olympischen Spiele zusammen, weil man ja Hotels und Unterkünfte für die Sportler brauchte. Die Idee bestand darin, ringsherum zu bauen; das Velodrom und das Schwimmstadion sollten eine große freie Stelle darstellen, ein großer Park inmitten der Gebäude. Es gibt heute nicht genug Gebäude dafür, also muß Berlin mehr um das Velodrom und das Schwimmstadion bauen.

Müßte?

Ach ja, aber sie müssen es tun, es ist ihre Aufgabe.

Es wird weiter viel von der bestehenden Stadt abgerissen. Man baut neu oder modernisiert, oft auf sehr kostspielige Weise. Ist das eine zivilisatorische Unausweichlichkeit, billige Büro- und Wohnräume durch teurere Gebäude zu ersetzen?

Ach so?

Muß man immer größer, neuer, anders denken?

Die beste Art und Weise, um zu zerstören, ist der Krieg. Das ist zumindest wirksam. Das ist das, was ich gelernt habe, daß die Städte normalerweise zerstört wurden, weil es Krieg gegeben hatte. Ich habe nie gelernt, daß Städte zerstört wurden, weil sie gewachsen sind. Sie wuchsen, weil es Krieg gegeben hatte, sie wurden zerstört, dann haben sie sich neu gestaltet und neu strukturiert. Also ist es doch sehr interessant, die Spuren von dem, was es gibt, zu bewahren, und mit dem, was es gibt, die Stadt zu bauen. Das ist es.

In Berlin gibt es neben dem großen Baueifer eine seltsam anmutende sentimentale Tendenz, die verlorene Stadt wieder zurückholen zu wollen. Hans Stimmann vertritt sehr vehement das Ideal, die Stadt früherer Epochen in Grund- und Aufrissen wieder herzustellen.

Man kann ja nun wirklich nicht sagen, daß die Architektur von Berlin Mitte besonders sentimental wäre. Das ist keine romantische Architektur. Für mich ist eine sentimentale Architektur eine romantische Architektur. Berlin Mitte, das ist die Architektur eines großen Stadtzentrums, das hat nichts mit Gefühlen zu tun. Daß man die Stadt nach der Straßenführung wieder aufbaut, ist keine sentimentale Handlung. Es gibt die Erinnerung an diese Straßen, aber die Friedrichstrasse ist heute doch ganz anders als früher. Das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Ich denke, es ist ein absolut falscher Gedanke zu glauben, daß man das Zentrum von Berlin wieder so aufbaut, mit dem gleichen Gefühl oder um das gleiche Gefühl hervorzurufen, wie es vor dem Krieg war. Es ist einfach etwas anderes. Es ist eine neue Stadt.

Sie haben gesagt, das Problem von Berlin wäre die Beschränkung der Perspektive...

Das soll ich gesagt haben?

...erst die Mauer, dann die Gradlinigkeit des Bauen und Wiederaufbauen, bis zur Vollendung jeden Blocks. Das habe ich in einem Katalog Ihrer Ausstellung in der Berliner Galerie AEDES gelesen.

Ich lese nie, was ich schreibe. Also ist es vielleicht wahr, oder auch nicht. Ich weiß es nicht. Ich verstehe nicht was es bedeuten soll, aber es paßt mir, und wenn ich es gesagt habe, dann ist es sehr, sehr gut.

Wenn man den Investoren architektonisch und stadtplanerisch freieren Lauf gelassen hätte, wären die beschränkten Perspektiven der Ökonomie dann nicht genauso problematisch?

Ich empfinde die Beschränkung ganz woanders. Wenn man einen Plan von Berlin nimmt, heute, die Strecken und die Touren, die beachtet werden, das ist nur Berlin Mitte. Und Berlin Mitte ist letztendlich sehr klein. Ich finde es skandalös. Würde ich in Berlin wohnen und zu den Grenzbezirken um Berlin Mitte gehören, würde ich streiken. Weil es skandalös ist, daß auf den Plänen die anderen Projekte, die genauso interessant sind wie die in Berlin Mitte, nicht vermerkt sind. Berlin ist ein wesentlich vielseitigeres Ganzes, mit einem alten Teil, einem wiederaufgebauten Teil, wie früher, sagen wir mal, in der Richtung der Städteplanung des 19. Jahrhunderts. Berlin ist vor allem eine sehr grosse Stadt, mit einer sehr großen Fläche, mit vielen Möglichkeiten, was Landschaften betrifft, Natur, Wasser. Berlin ist für mich eine sehr interessante Stadt, gerade weil es diese Art von Nebeneinanderstellung von Natur und Architektur gibt. Es ist ganz anders als Paris. Paris ist eine mineralische Stadt, sehr dicht, sehr zusammengedrückt. Berlin hat dieselbe Einwohnerzahl wie Paris, aber auf einer Fläche, die achtmal so groß ist. Ich finde, es gibt Möglichkeiten der Phantasie des Lebens in der Stadt, die ganz anders sind – und das in einer Stadt, die die Hauptstadt eines großen Landes ist. Berlin ist nicht Berlin Mitte.

Die Werbung und die Stadtführer sprechen aber auch von andern Vierteln.

Nicht viel.

Und Ihr Projekt?

Das ist zum Beispiel nicht in den Führern erwähnt, weil es zu weit weg ist. Es ist unglaublich. Aber nicht nur dieses Projekt. Es gibt viele andere interessante Projekte, ausserhalb von Tiergarten und Mitte.

So jetzt gehen wir zu Herrn Nagel. Los. Hey, Nagel! Jetzt, was ist er, der Herr Nagel, ist er Bankdirektor?

Nein, er ist Geschäftsführer in einem Immobilienunternehmen.

Gut, also, Herr Nagel, warum würden Sie uns nicht ein paar Projekte anvertrauen, neue, damit wir sie schnell durchführen können, ohne die Kosten zu überschreiten.

Er vertritt die Fundus Gruppe, die haben das Adlon gebaut.

So oder so. – Es ist feucht hier, auch wegen des Betons. Das ist das Problem, das war nie vorgesehen. Deswegen läuft das Wasser da lang, aber wir werden was machen, wir werden was machen.

© Hubertus Siegert