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Berlin Babylon - Gespräche ohne Kamera, Teil 2

Wolfgang Nagel (I)

Wolfgang Nagel war nach dem Mauerfall von 1990 bis 1996 für die SPD Senator für Bau und Wohnen. Seit 1996 ist er für die Fundus-Immobiliengruppe von Anno August Jagdfeld als Projektentwickler tätig. Eines der gegenwärtigen Projekte ist das Tacheles, eine von Künstlern und Kulturschaffenden besetzte Ruine und Abrißfläche der ehemaligen Friedrichstraßen-Passagen an der Oranienburger Straße. Das folgende Interview entstand am 9.März 1999 im Firmenbüro Wolfgang Nagels an der Frankfurter Allee.

Hubertus Siegert: Warum hat man den Bauboom nach der Wende so angeheizt? Selbst ökonomisch erschien das wenig sinnvoll. Der Immobilienmarkt knickt gerade ein, die riesigen Büroleerstände schrecken Investoren ab, die Banken bangen um ihre Sicherheiten.

Wolfgang Nagel: Ohne Einschränkung sage ich, daß es nötig war, den Bauboom anzuheizen. Wir haben 1990 zur Wendezeit ein öffentliches und privates Bauvolumen von 9 Milliarden Mark in Berlin gehabt. Jetzt haben wir jährlich 30 Milliarden Mark, die hier im Bau umgesetzt werden. Ich bin viel gereist, 1990, 91, 92. Wir haben die ganze Welt eingeladen, in Berlin zu investieren. 1989 waren beide Teile Berlins am Ende, die DDR mit ihrer Volkswirtschaft sowieso und Westberlin ökonomisch auch, da kam nichts Neues. Es gab die Berlinförderung. Da wurden die Zigaretten einmal um die Gedächtniskirche gefahren. Es gab keine qualifizierten Arbeitsplätze, kein gar nichts. Wir konnten ökonomisch nicht auf eigenen Füßen stehen.

Da haben wir diesen Prozeß eingeleitet, wobei uns verschiedene Gesetze zu Hilfe kamen, die Steuer, das Investitionsvorrangverfahren. Das hat die schwierigen Eigentumsverhältnisse zwar nicht gelöst, aber doch einen Weg gewiesen, wie man Investitionen tätigt, ohne mit den Eigentumsverhältnissen in Konflikt zu kommen. Da ist vieles entstanden, was sich vorzeigen läßt. Wenn ich durch die Stadt gehe, gehe ich immer hoch erhobenen Hauptes und sage: Es gibt kaum große Neubauten, wo ich sagen muß: Da war ich nicht beteiligt. Ich war überall beteiligt. Wir haben ein 12 Milliarden-Plattensanierungs-Programm. Oder die ganzen gründerzeitlichen Altbauten in Prenzlauer Berg. Oder 80.000 neue Wohnungen in Karow, in Glienecke. Da sind ja ganz neue Stadtteile entstanden, die Gartenstädte , die neuen Vorstädte. Immer, wenn man so etwas auf einen engen Zeitraum zusammenpreßt, werden Fehler gemacht. Da wird man in 10, 20 Jahren auch wieder was abreißen. Das hat es zu allen Zeiten gegeben. Wo der große Schinkel, auf den sich in Berlin immer alle berufen, seine klassizistischen Bauten errichtet hat, waren alte Palais, die stünden natürlich heute unter Denkmalschutz. Den gab es aber damals nicht, und der König, sein Auftraggeber, hat gesagt: Hau weg den Scheiß.

Natürlich gab es auch Fehler. Es ist nicht so, daß man durch die Stadt geht und sagt: Es gefällt einem alles. Im übrigen werde ich zwar haftbar gemacht für jeden privaten Bau, aber ein privater Bau ist ein privater Bau. Letzten Endes ist es Sache des Bauherrn, ob er sich mit seinem Bauwerk schmückt. Und im übrigen ändert sich auch permanent der öffentliche Geschmack. Was bin ich beschimpft worden für die beiden Häuser rechts und links des Brandenburger Tores von Kleihues? Gefängnisarchitektur war noch das mildeste.

Die Hochpreispolitik der Treuhand bei den Berliner Grundstücken hat die Spekulation gefördert, aber doch nicht eine vernünftige Stadtentwicklung.

Tja, das war ihr Auftrag. Ich war erst gestern bei der Treuhand. Es ist der Auftrag der Treuhand gewesen, im Auftrag des Bundesfinanzministers Kasse zu machen. Der Markt hat das ja letzten Endes korrigiert. Was es noch vor 5 Jahren an Preisvorstellungen gab, der Markt hat das nach unten korrigiert. Das ist eine ganz gesunde Entwicklung, daß sich das jetzt abkühlt, wozu auch die neue Steuergesetzgebung beiträgt. Es wird nicht mehr alles gebaut, wenn man es außer aus steuerlichen Gründen sonst gar nicht bräuchte. Andererseits muß man sehen: wenn wir die Sonderabschreibung nicht gehabt hätten, wäre vieles Nützliche auch nicht angeschoben worden. Man kann jetzt darüber diskutieren, ob diese Sondersteuergesetzgebung vielleicht zu lang da war, da bin ich auch gerne bereit zu sagen: ja, wahrscheinlich war es etwas zu lang.

Aber niemand mußte der Treuhand die Preise zahlen. Es gab viele Glücksritter, die die schnelle Mark machen wollten, wo Spekulation statt Kalkulation in den Köpfen war. Das war nicht nur die Treuhand. Da haben viele mitgemacht. Kein Bauherr baut ohne Finanzierung. Die Banken haben sich auch verschätzt, was den Bedarf und die Schnelligkeit der Entwicklung betrifft. Irgendwie kann man das von uns auch sagen. Wir haben als Politiker damals gesagt: Macht! Macht! Baut! Baut! Denn verglich man die Beschäftigungsstruktur hier in Berlin mit der von Hamburg, von Frankfurt ganz zu schweigen, hat man damals festgestellt: wir sind, was das Verhältnis von Dienstleistungs-Flächen zu Produktionsflächen oder Einzelhandelsflächen betrifft, sehr weit zurück gewesen.

Wenn ich mir das Bau-Chaos des letzten Jahrzehnts und die Vermietungsprobleme vor Augen halte, frage ich mich als Einwohner von Mitte, was geschehen wäre, wenn die Berliner Olympiabewerbung für das Jahr 2000 durchgekommen wäre.

Wir wären, was die städtische Infrastruktur, besonders den Verkehr unter der Erde angeht, viel weiter als heute. Viel weiter. Wir hätten es auch bewältigt. Das wäre natürlich noch mehr Buddelei gewesen. Erst neulich habe ich wieder eine Umfrage gelesen: Was stört die Berliner am meisten? – Daß so viel gebaut wird. Da fragt man sich: Wo leben die denn eigentlich?

Olympia 2000 ist geplatzt, und Berlin hat sich Sporthallen in Kostendimensionen wie dem Reichstagsumbau geleistet, 600 Millionen allein für den Perraulltschen Komplex.

Ich mache keinen Hehl daraus, daß ich Befürworter der Olympiade war. Ein paar Sachen haben wir im Vorfeld realisiert: das Velodrom und die Schwimmhalle von Perrault, die Max-Schmeling-Halle. Für Olympia hätte uns die nach wie vor reiche Bundesrepublik unter die Arme gegriffen. Dieser Rückenwind hätte mordsmäßig geholfen, an verschiedenen Dingen weiter zu sein. Ich selber bin gar nicht so sehr von der sportlichen Seite her an das Thema herangegangen, sondern habe gesagt: Tourismus, große Events, Unterhaltung - das ist etwas, womit die Stadt Geld verdienen muß. Sehen Sie, die vielen Besucher, die hierher kommen, die lassen hier Geld, die fahren Taxi, die übernachten in Berliner Hotels. Da sind sehr viele Arbeitsplätze mit verbunden. Das war also nicht nur ein sportpolitische, sondern auch eine wirtschaftspolitische Entscheidung. Nach der gescheiterten Kandidatur hat man natürlich überlegt, ob man die entsprechenden Bauarbeiten einstellen soll. Darauf war ich auch vorbereitet. Ich habe dem Regierenden Bürgermeister, Herrn Diepgen gesagt: Das ist eine Frage der eigenen Glaubwürdigkeit. Wir können nicht über Jahre sagen, daß diese Hallen unabhängig von Olympia infrastrukturell für Berlin notwendig sind – und in dem Moment, wo ein klares Nein aus Monte Carlo kommt, sagen: was interessiert uns das Geschwätz von gestern? Außerdem habe ich da ein bißchen... ich will das mal ‘politische Gewalt’ nennen. Wir haben bewußt zügig in diese Projekte investiert, damit nicht irgendein kleiner Krämer auf den Gedanken kommt, das noch zu stoppen. Das ist ja immer wieder mal diskutiert worden: Soll man hier eine Bauruine lassen? Ich meine, eine Katastrophe.

Auch das Stadion der Weltjugend wurde damals eilig abgerissen, aber dann kam nichts nach. Ist das Ihre Katastrophe?

Zunächst einmal wollten wir mit dieser Maßnahme unsere Olympia-Bewerbung glaubwürdig untermauern. Sehen Sie, Köln hat jetzt diese großartige Arena mit 18.000 oder mehr Zuschauerplätzen. In Berlin haben wir nicht mal die Hälfte in einer Halle. Das reicht für einen Großraum nicht aus. Man kann in Berlin viel mehr Events machen und Leute nach Berlin bringen, die ihr Geld hier lassen, wenn man zusätzlich eine ganz grosse Arena hätte. Dafür war der Platz auf dem Stadion der Weltjugend vorgesehen. Mitten in der Stadt, gerade nicht draußen.

Ich habe mir damals auf der ganzen Welt solche Hallen angeschaut. Die wenigsten funktionieren rein privatwirtschaftlich, so wie der Madison Square Garden, wo die Basketball- und die Eishockeymannschaft praktisch den Hallenbetreibern gehören und die Halle im Grunde nichts weiter ist als ein großes Fernsehstudio. Alle anderen Hallen, egal wo, laufen nur, wenn der Staat oder die Stadt dahinterstehen. Das ist ein Beitrag zur Wirtschaftsförderung. Deshalb funktionieren bei uns die privaten Betreiberkonzepte für so eine Arena natürlich auch nicht, jedenfalls nicht dann, wenn die Stadt für ihre Sporttreibenden auch noch was davon haben will. Ich kann einen einheimischen Sportverein in der Halle spielen lassen. Die Alternative ist Liza Minelli. So ist das, wenn man das kommerziell betreiben will.

Natürlich ist damals diskutiert worden: wollen wir lieber ein Sportstättensanierungsprogramm machen? Das heißt, alle Schulsporthallen und Schulsportplätze in Ordnung bringen – oder wollen wir die Olympiabauten haben? Wenn Sie die Frage auf diese Alternative verengen, muß man sich entscheiden. Eine Stadt schmückt sich mit so etwas und gewinnt ihr öffentliches Image dadurch. Mit einer gut funktionierenden Kita machen sie keine Ansichtspostkarten, obwohl das auch wichtig ist, sage ich. Ich habe selber kleine Kinder gehabt und jetzt immer noch eine 11jährige Tochter. Natürlich will ich, daß die Schule in Ordnung ist. Aber nehmen Sie mal den Reichstag: Die wenigsten von uns werden Bundestagsabgeordnete. Aber sie identifizieren sich mit dem Gebäude. Das ist hier das neue Berlin. Natürlich gibt es auch die, die sagen - wie sagen die Berliner? Für so wat haben sie Geld, aber mich nicht studieren lassen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wir wollten das machen. Wir haben gesagt: Planen, parallel ausschreiben und abreißen. Ich habe daran geglaubt, daß wir das packen würden, aber naja... Man hat sich da halt erheblich getäuscht.

© Hubertus Siegert