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Berlin Babylon - Gespräche ohne Kamera, Teil 5

Werner Durth

Die Filmaufnahmen mit Werner Durth entstanden am 23.10.1998 anläßlich einer Begehung der Reste der Akademie der Künste mit Günter Behnisch. Die beiden Architekten des Um- und Neubaus der Akademie müssen Auflagen des Denkmalschutzes respektieren und Ideen zur Integration alter Bauteile finden. Die Ruine der Akademie der Künste war nach dem Mauerfall neben dem Brandenburger Tor das einzige existente Gebäude am Pariser Platz und deshalb, wie in Berlin üblich, Gegenstand eines politischen Streits über den Umgang mit der zerstörten Stadt. Mußte die Stadt durch Rekonstruktion des Alten wieder gewonnen werden oder gab es entlang der Strukturen der Nachkriegsbauten und -leere die Möglichkeit, bestehende Strukturen weiter zu entwickeln? Das Interview entstand unmittelbar vor den Filmaufnahmen.

Hubertus Siegert: Ist die Akademie der Künste Ihre erste Arbeit in Berlin mit Günther Behnisch?

Werner Durth: Ich hatte einen Wettbewerb mit Behnisch in Berlin Tegel, zu Beginn der IBA, etwa 1980. Ansonsten habe ich beratend mit Freunden in Berlin zusammengearbeitet. Als wirkliches Bauprojekt, an dem ich auch als Autor involviert bin, ist es das erste.

Sie haben sich lange mit Albert Speers Planungszugriff auf Berlin beschäftigt, ebenso wie mit dem Hitlers.

Man muß sehen, daß Berlin eine völlig andere Stadt geworden wäre, wenn Speer seine Pläne wirklich ausgeführt hätte, die er 1940 in dem großen sogenannten Interessensgebietsplan festgelegt hat. Das ging ganz weit in die verdichtete Bausubstanz rein. Die Abrißpläne gingen mit den ganzen Rückstaffelungen der Neubauten entlang der Großen Achse in die alten Arbeiterwohnquartiere rein. Das sind riesige Schneisen, die in die Stadt geschlagen worden wären. Berlin hätte einen völlig anderen Charakter bekommen mit diesen riesigen Aufmarsch- und Paradeplätzen, als Weltkapitale. Umgekehrt hatte man in den Außenbereichen weitgehend Auflockerung durch Grün vorgesehen. Ich habe über Jahre den letzten lebenden persönlichen Stellvertreter von Speer, der die Grünplanung gemacht hat, begleitet. Es ist spannend zu sehen, wie sich dieser große Knochen der großen Achse in die Stadt hineingeschoben hätte, während von den Seiten her die Grünzüge sich fast bis ins Zentrum gezogen hätten, durchgeführt mit offenen Hof- und Wegesystemen. Es wäre von zwei Seiten her eine völlige Umkrempelung der Stadtfigur geworden – und das nicht nur über die Repräsentationsarchitektur, über die man immer spricht, sondern auch über die Formen der Siedlungsgestalt. Das ist ein Bereich, der eigentlich kaum bekannt ist.

In welchem Verhältnis steht dazu der Zugriff, den der Umbau von Berlin jetzt für die Stadt bedeutet ?

Ich finde das jüngere Bauen sprunghaft. Man hat mit dem Masterplan relativ spät versucht zu schauen, wie denn überhaupt die einzelnen Großprojekte miteinander zu verknüpfen sind. Durch den Investitionsdruck, den Erwartungsdruck, der unmittelbar nach der Wende kam, sind an so vielen Einzelstellen die Projekte explodiert, daß eine übergreifende stimmige Entwicklungsplanung gar nicht mit entwickelt werden konnte. Von daher finde ich es recht wohltuend, daß der Investitionsdruck nach dieser sogenannten euphorischen Phase abgesackt ist und man jetzt erst mal die Stadt strukturell nachbessern kann: wie die Projekte einzubinden, miteinander zu verknüpfen und weiter zu entwickeln sind. Aber ich finde das in keinster Weise beängstigend oder dramatisch. Ein Vergleich zu Speer würde mir nicht plausibel erscheinen. Die Debatte lief über die steinernen Fassaden, also einer ephemer ästhetischen Ebene. Stadtstrukturell ist nie versucht worden, in den Grundriß der Stadt reinzugehen. Und das war ja das Gewaltsame der Speer-Planung.

Die Stadtplanung beschränkt sich darauf, die Blockbebauung des 19.Jahrhunderts zu rekonstruieren oder zu erhalten, wobei die kleinere Einheit der Grundstücksparzelle heutigen Investoren bei kompletter Neubebauung nicht mehr genügt und das Konzept der bürgerlichen Bebauung eines Grundstücks unter vielen in einem Block ad absurdum führt.

Den Ansatz mit der Blockbebauung fand ich absolut stimmig. Das war übrigens auch Ausgangspunkt unseres Entwurfes für die Akademie, daß wir die Gestaltungssatzung in all den Punkten völlig akzeptiert haben: also Schließung der Platzfigur, keine Höhensprünge, auch Traufe, Gliederung. Wir haben alles nach Maß und Proportion aufgenommen. Das einzige, was uns unsinnig erschien, waren die Vorgaben zu Fensteröffnungen: stehende Formate, Putz und Stein. Wir denken, daß es an so einem Platz ein bestimmtes plurales Erscheinungsbild braucht. Wenn man nun sieht, wie sich hier diese ganzen Putzhäuschen addieren, denke ich, ist es noch mal eine nachträgliche Legitimation für unser Konzept.

Ich freue mich sehr, daß wir die Fassadendiskussion auch unter dem politischen Druck so weit rausgeschoben haben, daß wir jetzt punktgenau z.B. auf den Frank O‘Gehry nebenan reagieren können. Nach diesen fast monströsen Formaten, die beispielsweise die Fenster mit den Verkippungen haben, stelle ich mir vor, daß unsere Fassade wesentlich stiller wird, als wir es anfangs vorhatten. Darauf bin ich jetzt selber sehr gespannt, was wir aus dieser Nachbarschaft lernen.

Wie beurteilen Sie andere Realisierungen im Rahmen des Konzepts der ‘Kritischen Rekonstruktion’, z.B. die Friedrichstraße oder den Potsdamer Platz?

Grundsätzlich war die Entscheidung richtig, die Blockstruktur in der Friedrichstraße wieder aufzunehmen. Was ich allerdings für einen kapitalen Fehler halte, ist die Form der Verdichtung nach unten, die mit der parallel eingeschalteten Passage einen zweiten teilöffentlichen Raum neben die Friedrichstraße selbst gestellt hat. Ich denke, daß diese Art von Implosion von Öffentlichkeit der Straße sehr viel an Urbanität und Lebendigkeit nimmt. Diese Spaltung finde ich stadtstrukturell schwierig. Das hat mit dem Erscheinungsbild der Bauten relativ wenig zu tun. Solche Überlegungen anzustellen, wie sich der private Raum zum öffentlichen verhält, welche Schwellen, welche Verknüpfungen es gibt – das wird sich eben auch am Potsdamer Platz erst erweisen müssen.

Als ich letzte Woche am Potsdamer Platz war, fand ich, daß es unglaublich zugige Schneisen sind, daß gerade nicht das an Verdichtung und auch Nutzungsdichte erzeugt wird, was so ein Geviert eigentlich bräuchte. Wenn ich den Bau von Isozaki sehe, auch die Freiräume, das halte ich für äußerst problematisch, mit der großen Steinwelle, die durch diese zugige Schlucht durchgeht. Ich habe das Gefühl, kaum tritt man aus diesen hochverdichteten Bereichen wie den Arkaden raus, mich in einem Hinterhof zu befinden. Falls sich das so bewahrheitet, dann ist es wieder ein völliger Bruch zwischen dem Anspruch und der Wirklichkeit, die als soziale städtische Wirklichkeit sich da eben gerade nicht entfalten kann. Das wäre meine erste Prognose nach dem Erlebnis letzte Woche. Ich weiß aber nicht, was noch an Randfüllungen dazu kommt.

Was erscheint Ihnen gelungen in den letzten Jahren in Berlin?

Vieles, was an Wohnungsbau passiert ist, vor allem natürlich das Jüdische Museum von Libeskind, auch das Nachdenken über die Topographie des Terrors. Also überall da, wo wirklich qualitativ der Beitrag zur kulturellen Öffentlichkeit reflektiert wurde, bis hin zur Oranienburger Straße, mit dem neuen Jüdischen Zentrum. Berlin hat an solchen Knotenpunkten unheimlich gewonnen, unabhängig von den Fragen der kommerziellen Nachverdichtung, wie wir sie in der Friedrichstraße oder am Potsdamer Platz haben. Ich habe immer einen anderen Blick – weniger von der Erscheinungsform und dieser Ästhetikdebatte ums steinerne Berlin her als von der Frage: Was trägt es zu dem bei, was ich mir an Urbanität in Berlin wünschen würde? Also für das nächste Jahrtausend in der Kreuzlage Ost-West und mit wirklichen multikulturellen Ereignissen. Und da hat Berlin unglaublich gewonnen.

Die Berliner Mitte wurde zehn Jahre als leeres Fundament und Ruine betrachtet, wo man schleunigst komplett modernisieren oder abreißen und neu bauen muß. Was, schien vielerorts egal zu sein.

Das war mir grade so schleierhaft. Ich habe hier mehrere Vorträge zum Palast der Republik und zum Begriff der ‘Leere’ gehalten und versucht zu erläutern, aus welchem Stadtverständnis der 60er Jahre das kam, daß das zu großen Teilen so gewollt war – weil es das Bild war, das man damals in der DDR mit Metropole verbunden hat. Wir projizieren jetzt unsere Vorstellungen der 80er Jahre West und die Bestandsdebatte auf ein Milieu, das diese Debatten gar nicht mit vollzogen hat. Man sollte sich den Stolz der Ostberliner vergegenwärtigen auf diese Zeichen der Entstalinisierung – die es ja waren, vom Kino über das Außenministerium und den Palast der Republik, der der einzig öffentliche Ort gewesen ist, an den Leute aus der Provinz gehen konnten, wenn sie nach Berlin kamen. Diese ganze emotionale Besetzung wird nicht mit reflektiert. Das halte ich für fatal. Von daher hätte ich überhaupt kein Problem, mir vorzustellen, daß man die Mitte erst mal über zehn Jahre anders und bewußt bespielt, bevor man daran geht, sie zuzubauen. Bis man wirklich weiß, was man da als kulturelles Zentrum mit den Einrichtungen unterbringen will. Sehr schade, daß immer nur auf Bauformen geschaut wird, also, daß man wieder an die Maßstäblichkeit des Schlosses anschließen müsse. Auch Naumanns Auslassungen sind mir nicht nachvollziehbar.

Ich denke, mit einer Stadt Erfahrung zu sammeln, ist ein spannender Prozeß, und diese Chance vertut man gegenwärtig, indem man die Mitte ganz bewußt zur Brache macht, indem man dort auch nichts anbietet. Was jetzt passiert, ist eine kulturelle Entwertung, die mit jedem Jahr mehr, die sie dauert tatsächlich zur Bebauung drängt. Umgekehrt hätte man mit improvisierten Nutzungen schon unglaublich viel einleiten können. Da sehe ich einen Bruch, daß es hier ein spezifisch Berliner, verdinglichtes Denken gibt: wir wollen unsere Mitte wieder haben. Und die kann man sich eben nur gebaut vorstellen und nicht nur belebt.

Die Belebung des leeren Platzes vor dem Schloß wird jetzt durch das Ausbuddeln der alten Fundamente endgültig verhindert. Es ist alles aufgerissen, dazu kommt der klammheimliche Abriß des Palastes der Republik als Asbestsanierung über ein Jahrzehnt...

Dadurch wird sozusagen nur die Schrunde gezeigt, ohne daß sich das mit anderen Phantasien auffüllen könnte als denen, die jetzt die Fundamente vermitteln: daß da wieder was draufkommen muß. Insofern ist das eine self-fullfilling-prophecy des Vereins Historisches Berlin: Jetzt kommt das Schloß! Oder was will uns der Verein sonst andeuten?

Auch Bauten und Freiräume mit geringerer symbolischer Bedeutung wecken große Begehrlichkeiten.

Ich fand es ja unheimlich spannend nach der Wende, daß beispielsweise die Stalinallee zur Diskussion stand mit Formen von Abriß, Lückenfüllung, die Breite mit irgendwelchen Einkaufspavillons zu schließen; also wieder eine andere Maßstäblichkeit auch dort zu setzen, wo es ganz erkennbar ein bewußter Gestaltungswille war, diesen breiten Strassenquerschnitt auszubilden. Das waren nach der Wende meine ersten Auftritte, die ich hier hatte: daß ich vehement dafür geworben habe, erst mal zu begreifen, was damals beabsichtigt war, wie es umgenutzt werden und was da kommen kann, bevor gleich wieder in den Alternativen der Nachverdichtung und der Hochzonung des kommerziellen Nutzens gedacht wird. Das war nach meinen ganzen NS-Arbeiten der Auftakt zu einem anderen Forschungsprojekt, die Genese der Berliner Mitte aus den 50er Jahren. Ostkreuz und Aufbau in zwei Bänden.

© Hubertus Siegert